Kapitalbegriffe
Der Kapitalbegriff bei Pierre Bourdieu
Der Begriff des Kapitals wurde von Karl Marx in der Ökonomie und von Pierre Bourdieu in der Soziologie geprägt. Obwohl Bourdieu auch den Begriff des ökonomischen Kapitals nutzt, grenzt er sich deutlich von dem von Marx geprägten Begriff ab, indem er ihn aus soziologischer Sicht neu definiert.
Die Kapitalbegriffe entwickelt Bourdieu als Ergänzung seiner der Feldtheorie, zur Erklärung der Relevanz der Güter in den jeweiligen Feldern. Die Einführung der Kapitalbegriffe vervollständigt die zentralen Begriffe – Habitus und Feld – seiner Sozialtheorie. Es ist außerdem eine Kritik am Utilitarismus und Marxismus, da nicht immer der finanzielle Nutzen (das ökonomische Kapital) im Vordergrund des sozialen Handelns steht. Dennoch sollte, nach Bourdieu, das ökonomische Kalkül auf alle Güter angewandt werden, da in allen Feldern der Gedanke des Gewinns und Verlusts wesentlich ist (Joas, 2004: 538).
Ziel des sozialen Handelns der Akteure ist die Akkumulation des Kapitals, doch Bourdieu unterscheidet vier Kapitalformen – das ökonomische Kapital, das soziale Kapital, das kulturelle Kapital und das symbolische Kapital – welche nicht immer streng voneinander abzugrenzen sind. Das Kapitalvolumen beschreibt das akkumulierte Kapital der Akteure, während die Kapitalstruktur darstellt, aus welchen Kapitalsorten sich das Gesamtkapital zusammensetzt (Joas, 540). Somit ergeben sich verschiedene Gesellschaftsschichten, die unterschiedlich hohe Kapitalvolumen sowie Kapitalstrukturen zur Verfügung haben. „Die ungleiche Verteilung von Kapital, also die Struktur des gesamten Feldes, bildet somit die Grundlage für die spezifischen Wirkungen von Kapital, nämlich die Fähigkeit zur Aneignung von Profiten (…)“ (Bourdieu, 1997: 221). Sie birgt aber auch die Unsicherheit bei Transaktionen zwischen Inhabern verschiedener Kapitalsorten (Bourdieu, 1997: 229).
Ökonomisches Kapital
Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu Geld und Güter, die direkt in Geld eintauschbar sind. Diese Form des Kapitals „eignet sich besonders zur Institutionalisierung in der Form des Eigentumsrechts“ (Bourdieu, 1997: 218). Das ökonomische Kapital ist das wichtigste Kapital im Kapitalismus und bietet die Grundlage für die Aneignung der anderen Kapitalformen; kulturelles, soziales und symbolisches Kapital beeinflussen wiederum die Akkumulation des ökonomischen Kapitals.
Soziales Kapital
Das soziale Kapital umfasst die Ressourcen, die sich aus einem Netzwerk von institutionalisierbaren Beziehungen ergeben, wie die Zugehörigkeit zu einer Gruppe.
Das Kapitalvolumen aller Mitglieder des Beziehungsgeflechts verleiht den Akteuren in diesem Netzwerk Kreditwürdigkeit. Basis dieser Beziehungen sind materielle und symbolische Tauschbeziehungen sowie Institutionalisierungsmaßnahmen, wie die Zugehörigkeit zu einer Familie, eines Vereins oder einer Schule (Bourdieu, 1992). Das Sozialkapitalvolumen der Akteure ist abhängig von der Größe und vom gesamten Kapitalvolumen des Beziehungsnetzwerks.
Das soziale Kapital ist eng verknüpft mit ökonomischen und kulturellen Kapital: Beziehungsarbeit leisten erfordert Zeit und Geld, kulturelles Kapital erleichtert den Aufbau von Beziehungen zu Akteuren mit ähnlichem Kapitalvolumen. Eine Mitgliedschaft in einem ausgewählten Club, einer elitären Gruppe etc., trägt weiterhin zur Akkumulation von symbolischem Kapital bei.
Kulturelles Kapital
Bourdieu unterscheidet drei Formen des kulturellen Kapitals: das inkorporierte, das objektivierte und das institutionalisierte kulturelle Kapital. Die Akkumulation des kulturellen Kapitals erfolgt nur in Abhängigkeit vom ökonomischen Kapital: genau so lange, bis das ökonomische Kapital erschöpft ist.
Inkorporiertes kulturelles Kapital
Darunter fasst Bourdieu sowohl Bildung als auch Sprache. Das inkorporierte kulturelle Kapital ist körpergebunden und setzt eine Verinnerlichung vom AKteur voraus (Bourdieu, 1992: 219). Die Akkumulation dieser Kapitalsorte erfordert Zeit und das Volumen ist vom kulturellen Erbe und Sozialisierungsprozess abhängig. Inkorporiertes Kapital ist Besitz und gleichzeitig Habitus, also Bestandteil des Akteurs. Das Kapital kann nicht abgegeben werden, da es nicht unabhängig von dem Akteur besteht. Der Akteur wird somit zu Kapital.
Die Kulturkompetenz des Akteurs gewinnt oder verliert, je nach Verteilung der Kapitalien im Feld, an Wert. Wertsteigerung erlangt das inkorporierte kulturelle Kapital, ähnlich wie das ökonomische Kapital, durch einen Status der Rarität.
Objektiviertes kulturelles Kapital
Kunst, Häuser, Instrumente oder Bücher sind Bestandteile des objektivierten kulturellen Kapitals. Das Kapital ist materieller Art und juristisch wie ein ökonomisches Gut übertragbar und handelbar. Die Eigenschaften dieses Kapitals werden hauptsächlich vom verinnerlichten Kulturkapital bestimmt (Bourdieu, 1997: 222)
Institutionalisiertes kulturelles Kapital
Doktortitel oder Bildungsabschlüsse sind institutionalisiertes Kapital. Sie dienen der Demonstration von erworbenem, inkorporierten kulturellem Wissen. Es wird eine objektivierte Institutionalisierung des kulturellen Kapitals erreicht, welche gleichzeitig den Marktwert des kulturellen Kapitals bestimmt. Die Titel ermöglichen den Handel auf dem Markt, wie beispielsweise dem Arbeitsmarkt, da er „einen dauerhaften und rechtlich garantierten konventionellen Wert überträgt“ (Bourdieu 1997: 222). Der Wert des kulturellen Kapitals ist nur teilweise objektiv und Schwankungen unterworfen. Ein hoher Bildungsstand in der Gesellschaft führt beispielsweise zu einer inflationären Entwicklung der Umrechnung in ökonomisches Kapital.
Symbolisches Kapital
Der Begriff des symbolischen Kapitals ist ein Hyperonym aller Kapitalbegriffe (ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital). Es beschreibt das Zusammenwirken der Kapitalsorten, welches sich in Prestige, Ruhm und Rang der Akteure in der Gesellschaft ausdrückt. Das symbolische Kapital wird auch als transformierte Form des ökonomischen Kapitals bezeichnet: Benehmen, Sprechweise, Kleidungsstil sind Ausdrucksformen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die abhängig von ökonomischem Kapital sind. Prestige, Name und Rang geben den Akteuren zudem einen Vertrauenskredit (Joas 2004, 538f); so lässt sich das symbolische Kapital in ökonomisches Kapital umwandeln. Die Kapitalien bewegen sich in einem Kreislauf, in dem sich die Akkumulation der Kapitalien gegenseitig bedingen: „Wenn man weiß, daß symbolisches Kapital Kredit ist, und dies im weitesten Sinne des Worts,, d.h. eine Art Vorschuß, Diskont, Akkreditiv, allein vom Glauben der Gruppe jenen eingeräumt, die die meisten materiellen und symbolischen Garantien bieten, wird ersichtlich, daß die (ökonomisch stets aufwendige) Zurschaustellung des symbolischen Kapitals einer der Mechanismen ist, die (sicher überall) dafür sorgen, dass Kapital zu Kapital kommt“ (Bourdieu, 1993: 218)
Helen Steinfelder
Primärliteratur
Bourdieu, Pierre (1977). Outline of a theory of practice. Cambridge: University Press
Bourdieu, Pierre (1992). Die verborgenen Mechanismen der Macht. Hamburg: VSA Verlag
Bourdieu, Pierre (1993). Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
Bourdieu, Pierre (1997). Ökonomisches Kapital – Kulturelles Kapital – Soziales Kapital. In: Franzjörg Baumgart (Hrsg): Theorien der Sozialisation. Bad Heilbronn: Klinkhardt. 217-231
Sekundärliteratur
Joas, Hans & Knöbl, Wolfgang (2004). Sozialtheorie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp